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Nach Auschwitz an Gott glauben?

Ein Gespräch Karl Rahners mit Schülern

Wenn Sie mich fragen: "Warum lässt Gott so viel Böses in der Welt zu", dann muss ich gestehen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es einen unendlich guten und heiligen Gott gibt, aber wie die Tatsache des Bösen in der Welt, wie Auschwitz und andere Dinge damit vereinbar sind, weiß ich nicht. Eines aber weiß ich: Wenn Sie aus Protest gegen das Böse in der Welt Gott aus Ihrem Leben streichen wollen, wird die Geschichte noch viel schlimmer, denn dann haben Sie eine abgründig böse und absurde Welt und sonst nichts. Wenn Sie das im Namen der Liebe zu anderen wirklich verantworten können - gut, aber ich glaube nicht, dass man das kann. Wer wie beispielsweise Milan Machovec fragt: "Wie kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben?", dem kann man mit Recht darauf antworten, dass zumindest ein Teil dieser unglücklichen Menschen betend und an Gott glaubend in die Gaskammern gegangen ist. Und so möchte ich sagen: Über eine letzte von mir durchschaute Versöhnung dieser scheinbar widersprechenden Erfahrungen verfüge ich zwar nicht, aber ich glaube dennoch, dass man mit diesen beiden Erfahrungen leben kann und muss, obwohl man sie nicht in eine höhere Synthese hinein überbieten kann. 

Es gibt natürlich auch Menschen, die behaupten, ein ernsthaft Böses gäbe es nicht. Für sie ist das Böse lediglich eine unvermeidbare Reibungserscheinung der Entwicklung. So können wir es als Christen sicherlich nicht machen. Wir sind diejenigen, die das Böse viel radikaler ernst nehmen müssen als alle anderen. Und trotzdem müssen wir an dem Bekenntnis zu dem einen, lebendigen, ewigen, heiligen und guten Gott festhalten und hoffen, dass diese Synthese für uns einmal aufgeht.

Walter Dirks hat in seinen Erinnerungen an Romano Guardini erzählt, wie der 80-jährige Theologe gegen Ende seines Lebens einmal gesagt habe: Wenn ich in die Ewigkeit komme, dann werde nicht nur ich mich vor Gott verantworten müssen, sondern dann werde auch ich fragen, wieso denn so viel unbegreifliches Leid, Schmerz, Sinnlosigkeit in der Welt sein könne, und dann müssten ihm die Engel und Gott antworten. Machen wir es also wie Guardini, warten wir es ab.

Karl Rahner
Politische Dimensionen des Christentums.
Aus: Gespräch mit den Schülern des Gymnasiums St. Pölten 1983.
Ausgewählte Texte zu Fragen der Zeit.
Herausgegeben und erläutert von Herbert Vorgrimler. Kösel-Verlag GmbH & Co, München, 1986